Michael Wittmann, President WITTMANN Technology GmbH (Bild: Wittmann)

Digitalisierung im Maschinenbau – ein evolutionärer Prozess!

Aktuelle Themen der Kunststoff verarbeitenden Industrie sind die Steigerung der Energieeffizienz in der Produktion, die Kreislaufwirtschaft sowie die Entwicklung und Verarbeitung von Polymeren, die nicht auf Erdöl basieren. Michael Wittmann, President WITTMANN Technology in Wien, betont im Exklusivinterview mit der P. E. Schall GmbH, dass der persönliche Austausch auf der Präsenzmesse Fakuma 2021 unumgänglich ist und eine Bereicherung für das Kennenlernen der Bedürfnisse von Kunden und Geschäftspartnern ist.
 

Welchen Herausforderungen muss sich die Kunststoff verarbeitende Industrie aktuell und künftig stellen?

Eine sehr aktuelle Herausforderung ist die größtenteils schleppende, teilweise unzureichende Materialversorgung, die unsere Industrie beschäftigt und die in dieser Ausprägung bislang nicht bekannt war. Diese Situation sollte sich aber nach landläufiger Meinung Ende des Jahres, Anfang 2022 wieder entspannen. Darüberhinausgehend beschäftigen sich unsere Kunden und Geschäftspartner sehr intensiv mit einer Steigerung der Energieeffizienz in der Produktion und damit einhergehend der Verringerung des CO2-Ausstoßes, den Auswirkungen einer Kreislaufwirtschaft und der Entwicklung und Verarbeitung von Polymeren, die nicht auf Erdöl basieren und das Potenzial bieten, gesellschaftlich langfristig akzeptiert zu werden. Ebenso sind die Erhöhung des Digitalisierungsgrades und bessere Produktionskontrollen wichtige Entwicklungstendenzen in den Firmen.
 

Wie sehen Sie die deutschen Kunststoff verarbeitenden Unternehmen hinsichtlich Digitalisierung und Automatisierung aufgestellt?

Der Digitalisierungsgrad unterscheidet sich sehr stark in Abhängigkeit der Größe des Unternehmens. Ebenso besteht je nach Ansprechpartner ein sehr unterschiedliches Verständnis, wie der Begriff „Digitalisierung“ ausgelegt wird. Viele Kleinbetriebe (KMU) mit einem Maschinenpark bis zirka 25 SGM's verstehen unter Digitalisierung die Vernetzung von internen Geschäftsprozessen, teilweise auch durch die Einbindung in die Lieferketten von größeren Kunden. Für Großbetriebe, praktisch immer mit internationaler Aufstellung und einem fortgeschrittenen Vernetzungsgrad, geht die Digitalisierung in Richtung der Realisierung einer „gläsernen Fabrik“.

Die Digitalisierung des Maschinenparks schreitet in Deutschland voran, jedoch mit sehr viel Potenzial für die Zukunft. Ein Hemmschuh ist das nur mangelhafte Vorhandensein von genormten Schnittstellen, da viele Peripheriegeräte noch in keiner Euromap-Norm erfasst sind und der Standardisierungsprozess relativ langsam voranschreitet. Eine weitere Schwierigkeit, die für die Maschinenindustrie allgemein zutrifft, ist die sehr lange Lebensdauer von Produktionsmaschinen. Ältere Maschinen lassen sich teilweise nur mit einem unverhältnismäßig großen finanziellen und technischen Aufwand digitalisieren, wovon dann in der Regel Abstand genommen wird. Insofern ist die Digitalisierung in der Maschinenindustrie ein gradueller Prozess, der auch in dieser evolutionären Form stattfindet.
 

Die Branche befasst sich intensiv mit dem Wandel von der linearen zur Kreislaufwirtschaft. Wie weit sind wir hier?

Schon heute werden Spritzgießmaschinen für Anwendungen eingesetzt, bei denen unterschiedlichste Materialqualitäten zum Einsatz kommen. Das zu verarbeitende Materialspektrum reicht dabei von reiner Neuware über Regenerat und Regranulat bis zur Verarbeitung von 100 Prozent Mahlgut. Die Verarbeitung von Rezyklat in Spritzgießmaschinen stellt nicht die große Neuheit oder Herausforderung dar, sondern vielmehr ein funktionierendes Sammelsystem, welches eine gute Trennung und relativ hohe Sortenreinheit sicherstellt. Ein gelungenes Beispiel für Kreislaufwirtschaft ist das Bottle-to-Bottle-Recycling von PET-Flaschen.
 

Kunststoffe sind in jedem Bereich allgegenwärtig – und oft mit keinem guten Image behaftet. Wie können wir Ihrer Meinung nach das Ansehen von Kunststoff heben?

Solange Kunststoffmüll unkontrolliert in die Umwelt eingeführt wird, wird sich das Image von Kunststoff nicht anheben lassen. Und solange es Länder auf der Welt gibt, die kein oder kein ausreichend funktionierendes Müllsammelsystem aufgebaut haben, wird jegliche Art von Müll, und so auch die langlebigen Kunststoffprodukte, in der Umwelt landen. Das ist kein ursächliches Problem von Kunststoff, sondern rührt daher, dass Kunststoff heutzutage in so vielen Anwendungen des täglichen Lebens und weltweit anzutreffen ist. Jeden anderen Werkstoff, dem kein oder nur ein geringer materieller Wert zugewiesen wird, wird das gleiche Schicksal ereilen. Meine Einschätzung ist somit, dass Kunststoff auch weiterhin mit einem schlechten Ruf leben wird, aber auf Grund seiner Vielseitigkeit und des im Vergleich zu praktisch allen anderen Werkstoffen geringeren CO2-Fußadruckes unumgänglich bleiben wird. Biologisch abbaubare Kunststoffe würden durchaus eine Lösung darstellen, jedoch müssen diese erst die zahlreichen Funktionalitätskriterien erfüllen und dürfen nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelindustrie treten.
 

Wie wichtig ist es für Sie persönlich bzw. für Ihr Unternehmen, auf Fachmessen Präsenz zu zeigen und sich persönlich mit den Kunden austauschen – konkret zur Fakuma 2021?

Ein persönlicher Austausch ist in unserer Branche unumgänglich und eine Bereicherung für das Kennenlernen der Bedürfnisse unserer Kunden und Geschäftspartner. Wir freuen uns jedenfalls auf die Fakuma 2021 und hoffen, dass diese in der kommunizierten Form unter Einhaltung der aktuell gegebenen Hygienemaßnahmen stattfinden kann.
 

Wie haben Sie das Messeportal Fakuma-virtuell in den vergangenen Monaten für sich und Ihre Kunden nutzen können?

Aus unserer Sicht eignet sich das Messeportal vor allem dafür, Informationen zu auf der Fakuma gezeigten Exponaten noch über einen längeren Zeitraum für Interessenten leicht zugänglich zu haben bzw. im Vorfeld zur Fakuma Neugier zu wecken und zum Besuch des Messestands anzuregen.
 

Mit welchem Produkthighlight kommen Sie zur Fakuma 2021 nach Friedrichshafen?

Das Highlight unserer diesjährigen Präsentation aus dem Bereich Spritzgießmaschinen ist die neue SmartPlus. Dabei handelt es sich um eine servohydraulische Maschine, die sich durch ein hohes Maß an Wirtschaftlichkeit, Energieeffizienz und Stabilität auszeichnet. Durch den Einsatz bewährter Technologien und ausgewählter Optionen können bei dieser Maschine zukünftig kurze Lieferzeiten und ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis geboten werden.

Die Roboter-Baureihe wird um das Hochgeschwindigkeitsgerät SONIC 108 erweitert – geeignet für den Einsatz an kleineren Spritzgießmaschinen ab 50 Tonnen Schließkraft. Außerdem wird der überarbeitete WX153-Roboter präsentiert – die ideale Automatisierungslösung für Spritzgießmaschinen mit 500 bis 1.300 Tonnen Schließkraft.

Im Bereich der Werkzeugtemperierung werden zwei neue Geräte vorgestellt. Das TEMPRO basic Large 120 Temperiergerät für den Einsatz an großen und schweren Spritzgießwerkzeugen sowie das TEMPRO plus D200, das neue Wasser-Temperiergerät für Hochtemperatur-Anwendungen.

Die erfolgreiche Serie der CARD-Drucklufttrockner erhält mit dem CARD primus 10S und dem CARD primus 20S ebenfalls doppelten Zuwachs. Im Falle der CARD primus Geräte werden Paketlösungen angeboten, die auch ein Fördergerät mit Förderschlauch und Sauglanze umfassen. CARD primus Trockner sind für Temperaturen bis 200 Grad Celsius geeignet und verfügen über ein breites Anwendungsspektrum.

Beim Recycling wartet WITTMANN mit Überarbeitungen seiner G-Max 23 und G-Max 33 Schneidmühlen auf. Die Geräte verfügen nun über größere Trichteröffnungen, und beim Materialauslass kann ab sofort zwischen fixen und drehbaren Ausführungen gewählt werden.

Messehighlight SmartPlus-Spritzgießmaschine (Bild: Wittmann)

Neu zur Fakuma 2021: Roboter SONIC 108 (Bild: Wittmann)