Julia Große-Wilde, Geschäftsführerin Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie e. V. (GKV). (Foto: GKV)

Kunststoffe sind unverzichtbar!

Mit Julia Große-Wilde hat der Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV) in Berlin seit Jahresbeginn eine neue Geschäftsführerin. Von ihr ist im Exklusiv-Interview zu erfahren, dass zu den aktuellen großen Herausforderung für die Kunststoff verarbeitende Industrie vor allem der Wandel von der linearen zur Kreislaufwirtschaft gehört.

 

Schall: Frau Große-Wilde, wir gratulieren Ihnen zur neuen Position als Geschäftsführerin beim Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie e.V. (GKV) zum 1. Januar 2021. Was war Ihre erste Amtshandlung zum Jahresbeginn?

Frau Große-Wilde: Herzlichen Dank! Meine ersten Amtshandlungen zu Jahresbeginn waren die Kontaktaufnahme zu den Trägerverbänden des GKV und die Sondierung der Prioritäten der wichtigsten Kunststoffthemen der Branche für 2021.

 

Schall: Kunststoffe sind in jedem Bereich allgegenwärtig – und doch mit keinem guten Image behaftet. Was wollen Sie unternehmen, um das Ansehen von Kunststoff zu heben?

Frau Große-Wilde: Tatsächlich werden Kunststoffe sehr negativ wahrgenommen. Dabei geht es oft um Abfälle in der Umwelt, besonders im Meer. Und es ist keine Frage, dass wir die weltweiten Einträge von Abfällen in die Umwelt verhindern müssen. Das ist aber nur ein Aspekt von Ökologie. Denn was viele Menschen schlicht nicht wissen oder wahrnehmen, ist, dass Kunststoffe viele ökologische Vorteile haben. Stichwort: CO2-Fußabdruck. Als GKV sehen wir uns daher nicht nur als Stimme der Industrie, sondern auch als Vermittler. Fakten und Aufklärung in Form von zeitgemäßer Kommunikation mit verschiedenen Zielgruppen vom Verbraucher bis zur Politik sind daher ein wichtiger Bestandteil unserer Verbandsarbeit. Um von der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen zu werden, sucht der GKV den Schulterschluss mit anderen Verbänden aus der Kunststoffindustrie, um mit einer gemeinsamen Kommunikationsstrategie die große Bedeutung von Kunststoff aufzuzeigen und damit das Ansehen und das Image in der Öffentlichkeit zu verbessern.

 

Schall: Es gilt das Prinzip der Produktverantwortung. Inwieweit kann der GKV darauf einwirken, dass die Unternehmen ihre Erzeugnisse so konzipieren, dass Abfälle in der Produktion vermieden werden und eine umweltverträgliche Verwertung nach dem Gebrauch stattfindet?

Frau Große-Wilde: Die Unternehmen haben selbst ein ureigenes Interesse daran, ihre Produkte zukunftsfähig zu gestalten. Möglichst wenige Produktionsabfälle oder aber deren Recycling sind nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvolle Zielsetzungen. Hinzu kommt ein verstärktes Mitdenken des Lebensendes bereits bei der Gestaltung eines Produktes. Stichwort: Kreislaufwirtschaft. Als Verband sind wir Teil dieser Transformation unserer Industrie. Wir bringen uns in strategische Überlegungen ein, gestalten den Dialog mit der Politik, um die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen und sorgen für einen Austausch der Best Practices.

 

Schall: Problematisch ist sicher, dass die Verpackungsmengen beim Verbraucher steigen und somit auch das Müllaufkommen. Wohin damit?

Frau Große-Wilde: Es ist schade, dass Verpackungen oft mit Abfall gleichgesetzt werden, während wir die Schutzfunktion von Verpackungen selten wahrnehmen und schon gar nicht schätzen. Dabei tragen Verpackungen viel dazu bei, unseren Konsum nachhaltiger zu gestalten. Wenn verdorbene Lebensmittel in der Tonne statt auf dem Teller landen, ist das klimaschädlicher als die Produktion der Verpackung. Tatsächlich müssen wir aber durch Design for Recycling konsequentes Sammeln und Sortieren und die ständige Weiterentwicklung sowohl beim Recycling als auch beim Einsatz von Rezyklaten dafür sorgen, dass sich Kunststoffe stärker in Stoffströmen bewegen. Das ist die große Herausforderung für unsere Industrie und auch unsere Gesellschaft.

 

Schall: Der Verbleib und die tatsächliche Verwertung von Plastikmüll ins Ausland ist vielfach unklar; so unterliegen die meisten Exportmengen keiner Nachweispflicht für das Recycling. Deshalb kann es passieren, dass wir am Strand im Fernen Osten dem Inhalt unserer eigenen Gelben Säcke wiederbegegnen. Kann der GKV hier intervenieren, um Abhilfe zu schaffen?

Frau Große-Wilde: Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, landet der Gelbe Sack nicht in Asien. Tatsächlich werden diese Abfälle überwiegend in Deutschland verwertet oder aber im europäischen Ausland. Und das ist auch gut so. Abfälle sind Rohstoffe. Und wenn wir sichergehen wollen, dass diese im Kreislauf und nicht im Meer enden, sind wir gut beraten, uns vor Ort um unsere eigenen Abfälle zu kümmern.

 

Schall: Welchen weiteren Herausforderungen muss sich die Kunststoff verarbeitende Industrie aktuell und künftig stellen?

Frau Große-Wilde: Die große Herausforderung ist vor allem der Wandel von der linearen in die Kreislaufwirtschaft. Recyclingfähigkeit und der Einsatz von Rezyklaten sind hier zwei wichtige Stellschrauben. Dabei müssen Leistungsfähigkeit, Qualität und oftmals auch Hygieneansprüche erfüllt werden, was nun wahrlich nicht trivial ist. Gleichzeitig sieht sich die Industrie mit einer einseitig negativen Wahrnehmung konfrontiert. Hier gilt es, zukünftig noch stärker in den Dialog zu gehen und aufzuklären. Wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen, können wir auf Kunststoffe nicht verzichten – sondern benötigen sie dafür!

 

Schall: Wie sehen Sie die deutschen Kunststoff verarbeitenden Unternehmen hinsichtlich Digitalisierung und Automatisierung aufgestellt?

Frau Große-Wilde: Der digitale Wandel ist in der Kunststoffverarbeitenden Industrie in vollem Gange. Die Transformation ist in den Köpfen der Unternehmer bereits seit langer Zeit mit der Rationalisierung von Arbeitsplätzen und der einhergehenden Automatisierung angekommen. Dazu gehört die Optimierung interner Prozesse wie beispielsweise die der Anlagenverfügbarkeit und der Produktivität. Konkret zeigt sich dies im Ergebnis in einer Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit der deutschen Kunststoffverarbeitenden Industrie, die dank der Digitalen Technologien und des Know-hows in der Arbeits- und Wirtschaftswelt in der Pole Position stehen. Negative Effekte sehen wir vielmehr in der fehlenden „Datenautobahn“ in Teilen Deutschlands.

 

Schall: Wie wichtig erachten Sie es, dass Unternehmen der Kunststoff verarbeitenden Industrie auf Fachmessen Präsenz zeigen und sich persönlich mit den Kunden austauschen – etwa zur Fakuma im Herbst 2021?

Frau Große-Wilde: Ich erachte es generell, und dabei spreche ich über keine bestimmte Messe der Kunststoffverarbeitenden Industrie, für außerordentlich wichtig, dass die Unternehmen dieser Branche auf Messen Präsenz zeigen und so die Chance nutzen, ihre Produkte und Innovationen auszustellen und so Zukunftstrends aufzuzeigen und zu bewerben. Daneben sind Messen ja auch Branchentreffs und ein guter Rahmen, in dem sich Anbieter und Interessenten treffen und austauschen können.

 

Schall: kai – das ist die Kunststoff-Ausbildungs-Initiative des GKV, mit der Sie jungen Leuten Lust auf Kunststoff machen wollen. Wie groß ist das Interesse der Auszubildenden, mit Plastik zu arbeiten?

Frau Große-Wilde: Die kai ist als Kunststoff – Ausbildungs-Initiative das erste Mal im Jahr 2007 aus der Taufe gehoben worden und findet ausschließlich während der K–Messe statt. Sie dient den jungen Leuten dazu, sich schneller und besser in der Ausbildungswelt der Kunststoffindustrie zu orientieren und zügig und einfach die richtigen Ansprechpartner zu finden. Die kai beinhaltet ein gutes Informationsprogramm und ist zuletzt bei der Zielgruppe auch deswegen sehr beliebt, weil sie eine gute Plattform zur Vernetzung bietet. Das Interesse der jungen Leute an Kunststoff ist groß, wir stellen jedoch generell immer weniger Begeisterung für einen Werdegang mit dem Start in dualer Ausbildung fest, da es eine Tendenz bei den jungen Menschen gibt, eher höhere Bildungsabschlüsse anzustreben.

 

Schall: Bitte nennen Sie uns drei Aspekte, die Sie als Geschäftsführerin beim GKV in besonderem Maße vorantreiben wollen.

Frau Große-Wilde: Für den GKV und unsere Trägerverbände werde ich mich dafür einsetzen, dass auf europäischer Ebene realistische und erreichbare Ziele für die Kunststoffverarbeitende Industrie gesetzt werden. Auf nationaler Ebene ist besonderer Wert darauf zu legen, dass nicht durch zu starre Produktvorgaben oder gar -verbote eine Wettbewerbsverzerrung eintritt und letztlich so Handelshemmnisse geschaffen werden. Ein weiterer Aspekt, der mir besonders am Herzen liegt, ist die Pflege und die Verbesserung des Images von Kunststoff in der Öffentlichkeit. Es kann und soll nicht sein, dass der durchschnittliche Verbraucher vielleicht einige Berichte aus der Abfallentsorgung im Kopf hat, er aber nicht weiß, wie gut und vielfältig der Wertstoff Kunststoff ist und was er alles kann.